Kapitalismus vs. Sozialismus

Kleiderordnungen spiegeln auch gesellschaftliche Systeme wieder. Die Krawatte wurde am französischen Hof des Sonnenkönigs Ludwig XIV. erfunden und im 19. Jahrhundert vom standesbewussten Bürgertum übernommen. In den Ländern des Sozialismus wurde sie eher selten gesehen, denn sie war auch ein Zeichen von Dekadenz. Lediglich die hohen Angehörigen der Partei trugen bei entsprechenden Anlässen eine Krawatte.
Anhänger des Sozialismus
Wer sich zum Sozialismus bekennen wollte, trug Arbeiterkleidung und gab sich ein proletarisches Aussehen, auch dann, wenn derjenige seine Zeit eher hinter Büchern verbrachte, als an der Werkbank oder am Fließband. Im Kapitalismus war es eher umgekehrt. Der stolze sozialistische Arbeiter des 19. Jahrhunderts trug an Feier- und Festtagen selbstverständlich Anzug und Krawatte beere. Damit unterstrich er seinen Anspruch auf Gleichwertigkeit und stellte sein Selbstbewusstsein als Werktätiger zur Schau.
Politische Mitbestimmung eher im Kapitalismus?
Diese Art der Verbürgerlichung, die auch mit der Forderung nach politischer Mitbestimmung einherging, war kein Zeichen von Anpassung. Ordentliche Kleidung war ein Attribut, das stolz auf den eigenen Stand hinwies. Selbstverständlich schloss das auch den Besuch von Kulturveranstaltungen und Vorträgen mit ein. Auf diese Weise war die Krawatte immer ein Modeaccessoire, das eine gewisse Ambivalenz mit sich brachte. In einigen politischen Kreisen war sie verpönt, was unter anderem zur Rollkragenmode bei Lehrern führte. In anderen Kreisen war sie ein unbedingtes Muss, dem sich jeder unterordnen zu hatte. Auf jeden Fall wurde die Frage nach der Krawattenpflicht immer wieder und abhängig von der Weltanschauung heiß diskutiert und entsprechend ergaben sich immer genug Gelegenheiten, durch entsprechende Konventionsverstöße seine Anschauung auch an unpassender Stelle zum Ausdruck zu bringen. So betrachte war der Fall der Mauer auch ein Siegeszug der Krawatte.




